Samstag, 14. Juli 2018

De/Vision - Citybeats (2018) Review

Citybeats...was genau erwarte ich darunter? In meiner langjährigen Hörerkarriere im De/Vision-Kosmos hab ich mich nie um Albentitel geschert. Manchmal waren sie zutreffend, wie beim emotional zerütteten "Two" oder dem Producerneuland "Noob", doch ab und an schlicht dem hyperelektronischen Wohlfühlklima untergeordnet.

Diesmal will ich mehr. Unter der Flagge des 30jährigen Jubiläums peitschen Elektrowellen durch urbane Häuserschluchten, wirbeln an gläsernen Fassaden vorbei gen, von gleißenden Neonleuchtreklamen, tapezierten Horizont. Pulsierend, lebendig und dennoch voll fragmentierter Erinnerungsfetzen auf dem dampfenden Asphaltgrund treibend.
Das Cover verdeutlicht die gesichtslose Anonymität der klagenden Metropole in der Skizzierung streng blockhafter Häuserreihen in stahlgrauen Schablonenfarben. Hinter jedem Mauerwerk tiefgreifende Geschichten, Emotionen, Ideen.

So die blanke Theorie. Die Ausführung stockt jedoch zunächst. Der Opener befasst sich mit der Schwüle nächtlicher Strömungen, sanfter Wind haucht durch die Stille. Illuminierte Fensterfronten, als vage Lichtpunkte in der Ferne verleiten zum Sinnieren.

Doch das Soundbild skizziert (und das sei als Spoiler schonmal verraten) hier wie auch auf der Gesamtlänge ein melancholisch verschwommenes Gerüst, dessen bleierne Schleierwolken wie schwermütig stumme Kollosse auf die Arrangements blicken.

Gepresste Vocoderflächen und sirenenhafte Synthiesalven befeuern die andächtig geformte Hookline von "In the still of the night", das jedoch in seiner betuchlichen Form höhepunktslos durch die Schwärze wabert. In "Joys of paradise" dominieren kathedralenhafte Glockenschläge die sinnistere Atmosphäre, blass und leer das Gemäuer, schwere Vorhänge im Dämmerlicht wiegend. Keths Gesangsstruktur bewegt sich nostalgisch eingefärbt auf stets dergleichen Ebene. Fast meint man eine Rückbesinnung in die Anfangszeiten angesichts des Jubeljahrs. "Dystopia" setzt noch einen obendrauf. Langgezogen und gespenstisch bahnt sich eine gräuliche Betonmasse von ohnmächtigen Trommelkreisen begleitet ihren Weg durch den Erdgrund, verschlingt, erschüttert das Grün. Was bleibt sind mattfarbene Industrieländereien, bevölkert von metallischen Schattenwesen

So freudlos diese Vorstellung, so zäh und monoton leider auch die akustische Ausmalung vor dem inneren Auge. Von den erhofften Citybeats bislang zu wenig.

Die Single "They won't silence us" bekommt eine leichte Soundpolitur, speziell am Anfang, am Ende wurde gekürzt, doch existiert ohnehin 
eine famose extended version. Gleichgeblieben ist der Umstand, es hier mit einem der stärksten De/Vision Tracks seit 8 Jahren zu tun zu haben. Ganz besonders die beschwingte erste Hälfte brilliert mit schwereloser Ästhetik im Klangraum. Vitale Synthieeffekte, ein hochmelodisch kurz angetipptes Tastenthema, Adam als sympathische Zweitstimme. Hier stimmt so vieles. Ich sehe auch flirrende Farbtupfer durch graubraune Lagerhallen tanzen, Tore durchbrechen, hinaus Richtung Skyline. 
Die zweite Halbzeit gibt sich surrend ruhiger, spricht den Hörer direkt an. Hier ist noch lange nicht Schluss.

"Not in my nature" ist druckvoller, verwegener. Die Grunduntermalung pirscht sich an orange glimmendem Laternenschein vorbei durch verwinkelte Straßenzüge. Die Stimmung ist kühl, doch einnehmend. In der Folge wird das Tempo noch leicht erhöht, pocht elektronisch ausladend dem Nachtschatten entgegen.

Nun folgt die stärkste Phase des Albums. "The brightest star" glänzt wie ein dunkler
Diamantenstein in lockender Düsternis. Schwer schreitend, endlich auch elegisch schmeichelnd schmiegt sich die einnehmende Hook an Seiten der nocturnalen Instrumentalisierung.

"Under heavy fire" ist schließlich die Erfüllung meiner citybeat-affinen Erwartungen. Es blitzt, surrt, glitzert aus den Boxen, der Refrain dazu bleibt stark haften. Keth singt energisch, die Klangwogen funkeln, wirbeln durch den Moloch. In den finalen Momenten lässt Adam den Song atmen, zaubert schon fast eine extended Fassung und zelebriert das artifizielle Momentum.

Toll! Leider wird dieses Niveau nicht exakt gehalten. "A pawn in the game" bleibt auf der selben Temposchiene, ist jedoch ungleich weniger markant in der Ausfertigung. Die durchgehend vitale Grundstimmung ist nach dem eher schleppenden Albumstart aber zu würdigen.

Rauchig, roh und bissig. Das folgende "A storm is rising" belebt mit rockiger Struktur Heiligtümer der Void-Dynastie, wischt die Schwermut weg. Hypnotisch und prägnant. Genau das hat das Album zu diesem Zeitpunkt gebraucht. Als Bonus gibt es ein unbeschwert synthgestütztes Motiv welches als eigenes Songoutro fungiert.

Als Closer betitelt ist stilecht "A last goodbye" vorgesehen. Doch anstatt tragender Ballade ist der Song durchaus tanzbarer. Düstermattiert instrumentalisierte Hintergrundtöne führen den Hörer die steilen Stufen des höchsten Gebäudes inmitten des umtriebenen Cityareals hinauf. An der Spitze dieses stählernen Wächters fällt der Blick auf die entrückte Großstadt in der fahlen Abendsonne mit all ihren Geheimnissen.

Fazit: Ich hätte mir viel mehr befreiendere Stücke gewünscht, über allem thront eine dumpfe Mechancholie. Gegen ein ruhigeres Werk ist nichts einzuwenden, ein wenig mehr Überraschung, Melodik und Tempo hätten Citybeats gutgetan, dennoch überzeugt eine generell schöne Vielseitigkeit, parallel zur Stadtthematik passend. Obwohl es diesmal durchaus weniger eingängig funktioniert, sehe ich langfristig ein enormes Wachspotential. Daher vergebe ich beruhigt 4/5 Sterne.

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