Donnerstag, 19. Juli 2018

The National - Boxer Live In Brussels (2018)

Intimste Karthasis ever!

Ka·thar·sis
Substantiv, feminin [die]
  1. Literaturwissenschaft
    Läuterung der Seele von Leidenschaften als Wirkung des [antiken] Trauerspiels
  2. Psychologie
    das Sichbefreien von psychischen Konflikten und inneren Spannungen durch emotionales Abreagieren



Den Dudenauszug hab ich nur gepostet, weil vielen scheint die Bedeutung einer Katharsis nicht klar zu sein. Deshalb zum besseren Verständnis, des nun folgenden Reviews.

Beide Erklärungen der Katharsis, finden bei dem ersten Live Album von The National, bei mir Anwendung. Und so viel vorne weg, selten, ganz selten geschieht so was in einer solchen emotionalen Dichte, wie hier.

Deshalb hab ich auch ein paar Tage gebraucht, das Album hat mich, nicht nur sprichwörtlich, regelrecht umgehauen. Zwischen Tränen wegen der berührenden Texte von The National, der Instrumente die mein Jammertal fast ohne Boden erscheinen lassen und der Produktion an sich, die keinen Tadel zu lässt, musste ich erst mal nüchtern werden. 

Ein paar Fakten. Nach den Alben Trouble Will Find Me (2013) u. insbesondere Sleep Well Best (2017) konnte man als Hörer den Eindruck gewinnen, das The National zur reinen Stadionband mutiert. Persönlich kann ich mich an kein einzigen Auftritt erinnern und auch recherchieren lässt sich da nichts, das The National einen schlechten Auftritt hin legten. Sowohl Stadion, wie auch Club wurden bespielt mit der wohl Gott gegebenen Intimität, die wir das Glück haben, das sie sie mit uns teilen wollen.

The Boxer (2007) ist für viele in Vergessenheit geraten, dabei betrachtet es man rückblickend, war es der Durchbruch für The National, endlich hörte der Mainstream zu, so auch ich. So etwas sind Schlüsselmomente für eine Band und hat sie tatsächlich noch etwas vor, nutzt sie so was auch für neue Meisterwerke. Hat dann The National auch so genutzt. Neben den oben genannten Alben, reiht sich noch High Violet (2010) ein.

Mit den vier Alben hat The National quasi ihre Trademark`s etabliert. Das sie nun bei ihren ersten Live Album, nach so langer Karriere, ausgerechnet an den Anfang zurück gehen ihrer erfolgreichsten Schaffensphase, ist nur konsequent. Das fängt beim Cover an, dem Orginalfoto in schwarzweiß, ein paar Farbtupfer des Regenbogens bei zu fügen, macht ästhetisch richtig was her. Eigentlich von der Bildbearbeitung her kein großer Akt, es zeigt nur das es oft genug die kleinen Dinge sind, die tatsächlich wichtig sind. Das geht auch völlig d'accord mit dem Selbstverständnis von The National, zumindest möchte das Cover, es einen glauben lassen.

Allein das ich mir solche Fragen stelle, beim betrachten eines Covers, sagt schon viel über die Genialität des Albums. "He Mann/Frau, das nur ein Cover, sagen andere. Nein Mann/Frau, das das Cover von „The National - Boxer Live In Brussels“, werden wir in 20 Jahren sagen." Ein Album was dem drögen Musikjahr 2018, endlich das Album des Jahres gab. Noch dazu eines der herausragenden Live Scheiben, die man wenn man Glück hat, einmal pro Dekade zu hören bekommt. Ok, ich hör auf zu feiern. Kusch, Jubelperser wieder hinlegen.



Fangen wir mit Fake Empire an, allein die Textzeile „We're half awake in a fake empire / Wir sind halbwach in einem falschen Reich“ jagt als Opener einen einen Schauer über den Rücken. Wo befinden wir uns, welchen Ort besuchen wir gerade? Richtig, Brüssel/Mehrzweckhalle, nichts besonderes sollte man meinen. Genau dort, an diesem tristen Ort, kann, nein muss man mit Fake Empire anfangen. Um meinen Gedankengang ab zuschließen, hier das Audiovideo von Fake Empire/ Brüssel /Mehrzweckhalle, im Vergleich mit dem ebenfalls tollen Auftritt vor dem Opernhaus in Sydney.



Hier der komplette Auftritt vor dem Opernhaus.


Dort wird Fake Empire an einundzwanzigster Stelle gespielt. Beobachtet Matt Berninger mal ein klein wenig genauer. Das ein Nerd, wie er im Buch steht. Das ist ausschließlich positiv gemeint. Ich glaube Matt, das seine Texte einfach sehr wichtig sind und da sie allesamt nicht unbedingt zu klaren Zeilen neigen, sondern noch entschlüsselt werden wollen, manifestiert sich der Anspruch den er an sein Publikum stellt. Wie ein Schwamm saugen sie die Texte auf und als echter Nerd, ist Matt das fast peinlich. „Worauf habt ihr den gewartet? Erschreckt mich nicht so! Nein, Jesus bin ich (noch) nicht!“

Gehen wir aber voran, nach Brüssel in die etwas schmuddelige Mehrzweckhalle, was hören wir da? Die Stimme von Matt ist über jeden Zweifel erhaben, die Gitarren klingen wie ein Metronom, perfekt von der Tonhöhe im Kontext und erst das Schlagzeug, perfekt auf die Zwölf. Gänsehaut pur mit einem, wenn auch kleinerem, Publikum geteilt.

Ich kann gar nicht auf einzelne Stücke irgendwie eingehen, weil die beschriebene Intensität an der Teilhabe an Intimität, die sicher auch durch die hervorragende Produktion zustande kommt, zieht sich durch den ganzen Auftritt. Bravo, chapó wird dem Album nicht gerecht, ich bin Unwürdig dem lauschen zu dürfen schon!

Gruß Stephan

 

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